Erinnerung an Gotthilf Heinrich Schubert (1780-1860)

schubertportrait_KleinWie viele andere Vertreter seiner Generation ist Gotthilf Heinrich Schubert heute selbst in der Wissenschaft weitgehend vergessen. Er wurde am 26.4.1780 im Pfarrhaus der St. Christopherus-Kirche in Hohenstein, dem heutigen Hohenstein-Ernstthal, geboren, besuchte das Weimarer Gymnasium, wurde ein Schüler Johann Gottfried Herders, studierte Theologie, Philosophie, Medizin, Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Zoologie, Geognosie, beherrschte ein halbes Dutzend Sprachen und schrieb auch Romane und Erzählungen. Schließlich war Schubert bis 1808 auch ein Teil der romantischen Jugendrevolte, die den „Geisterhimmel stürmen wollte“ (R. Huch).

Der Vater, den Schubert sein Leben lang mit „Sie“ ansprach, war der erste Lehrer. Er verlangte viel, zeigte ihm aber auch den Weg eines strukturierten Planes der geistigen Arbeit, wie der notwendigen körperlichen Ausgleichs-Bewegung

Das Weimarer Gymnasium lernte Schubert als Wander-Begleiter eines Freundes kennen, der vom Greizer Gymnasium nach Weimar wechseln wollte. Er war sofort von der Atmosphäre begeistert gewesen. Mit Hilfe seiner erwachsenen Schwestern vermochte er den Vater zu bewegen, dem Wechsel nach Weimar zuzustimmen. Über den Direktor des Gymnasiums, Karl August Böttiger, der auch Griechisch und Latein lehrte, äußerte er sich auch in seinen Lebenserinnerungen nach 60 Jahren noch voll des Lobes. Zudem habe die Altherzogin Anna Amalia halbjährlich die besten Schüler empfangen und sie ermuntert. Der Besuch von Konzerten und Theateraufführungen am Weimarer Hof sei für alle Gymnasiasten, wie auch für die Jenaer Studenten, kostenfrei gewesen.

Schubert lebte in Weimar nach einer Hufelandschen Diät, aß viel Gemüse und badete auch im Winter in der Ilm. Morgens sei er um 5 Uhr aufgestanden, um noch vor den ersten Lehrveranstaltungen klassische Texte lesen zu können. Nur zu Weihnachten und Ostern wanderte Schubert zu den Eltern nach Hohenstein.

Das beeindruckendste Erlebnis in Weimar war für Schubert die Begegnung mit Johann Gottfried Herder. Dieser war in seiner Funktion als Generalsuperintendent auch Oberaufseher des Weimarer Gymnasiums. Herder korrigierte selbst die eingereichten Abschlussarbeiten der ältesten Schüler. Schubert hatte ein naturphilosophisches Thema gewählt. Er wollte nachweisen, dass die Natur ein lebendiger Organismus sei, wie der menschliche Körper. In seinen Erinnerungen beschreibt er die Rückgabe der Arbeiten durch Herder. Eine nach der anderen Arbeiten wurde mit Kommentar zurückgegeben. Die schlechten Arbeiten gab er schweigend zurück. Schubert erhielt seine Arbeit zum Schluss: »Schubert, wo ist er? Er trete hervor [...] In Ihrer Arbeit«, so ungefähr habe Herder gesagt, »finde ich mehr als in den anderen, eigene Gedanken und dabei einen rühmlichen Fleiß. Gehen Sie weiter auf diesem Wege. Ein redliches Forschen bleibt niemals ohne seinen Lohn, auch Sie werden zu einem guten Ziele kommen.«

Schubert freundete sich in Weimar mit Emil Herder an, dem jüngsten Sohn der Familie. Fortan wurde er auch eingeladen, wenn prominente Besucher bei Herders zu Gast waren. In den ersten Monaten des Jahres 1799 hielt Johann Gottfried Herder vor seinem Sohn Emil und Gotthilf Heinrich Schubert Vorträge zur Einführung in das beginnende Studium. Die Vorträge wurden von Bernhard Suphan nach einer Mitschrift Schuberts in die Ausgabe Sämtlicher Werke Herders (SWS Bd. XXX) aufgenommen.

Nach Ostern begann Schubert, wie in der Familientradition festgelegt, ein Theologie-Studium in Leipzig. Im ersten Semester durfte er die Fächer noch frei wählen. Mathematik, Chemie, Biologie, Zoologie, Philosophie ... Als der Vater etwas irritiert nachfragte, antwortete Schubert, dass Herder gesagt habe, diese Fächer vertrügen sich sehr gut mit Theologie. In Leipzig lebte Schubert nach der Brownsche Diät, stand morgens zwischen 3 und 4 Uhr auf, um vor den Vorlesungen arbeiten zu können, und unternahm lange Spaziergänge.

Mit Hilfe seiner Schwestern erwirkte Schubert vom Vater die Erlaubnis zur Medizin wechseln zu dürfen. In einem Brief aus Leipzig an Emil Herder schrieb Schubert, dass er einmal Schiffsarzt werden wolle, um auf diesem Wege die Welt zu entdecken. Das Vorbild Schuberts war zu dieser Zeit schon Alexander von Humboldt.

Ostern 1801 begann Schubert mit seinem Freund Friedrich Gottlob Wetzel das Medizin-Studium in Jena. Er hatte in einer Zeitung gelesen, dass Johann Wilhelm Ritter in Jena experimentelle Vorlesungen über Galvanismus halte. Der Wechsel war wieder nur möglich geworden, weil die Schwestern ein gutes Wort für ihren kleinen Bruder beim Vater einlegten. Bald verband Schubert eine Freundschaft mit dem nur vier Jahre älteren Johann Wilhelm Ritter und dem fünf Jahre älteren Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. In seinen Lebenserinnerungen schreibt Schubert, dass ihn die Autorität Schellings beeindruckte, die dieser „Trotz seiner Jugend“ ausgestrahlt habe.

Mit einem Ritterschen Dissertationsthema („Die Anwendung des Galvanismus auf Taubgeborene“) wurde Schubert im Frühjahr 1803 in Jena zum Doktor der Medizin promoviert.

Der Jenaer Orientalist C. B. Ilgen stand mit Alexander von Humboldt im Briefwechsel. Bei ihm hatte auch Schubert erfahren, wie die Weltreisen verliefen. Doch aus dem Weltreise-Schiffsarzt wurde nichts. Schubert verliebte sich und heiratete 1803 recht schnell.

Während der Leipziger und Jenaer Studienzeit hatte Schubert einige Briefe mit Johann Gottfried und Caroline Herder gewechselt. Auf Anregung Herders übersetzte er den zweibändigen Naturhymnus „The Botanic Garden“ von Erasmus Darwin, einem promovierter Mediziner, und Großvater von Charles Darwin. Herder war der Meinung gewesen, dass die Poesie, wie sie Erasmus Darwin vertrat, eine Brücke zwischen dem Glauben und der Naturwissenschaft sein könne.

Zu einer vollständigen Veröffentlichung der Übersetzung kam es jedoch nicht. Das Manuskript der Übersetzung konnte bislang auch nicht aufgefunden werden.

Bereits 1803 ließ sich Schubert als praktischer Arzt in Altenburg nieder. Hier trat er aber weniger als Mediziner hervor, sondern verdiente den Lebensunterhalt als Übersetzer. Der Altenburger Buchhändler Dr. Johann Christian Rink gab ein Reihe mit Übersetzungen aus dem Italienischen, Französischen und Provenzalischen heraus. Auch in Altenburg schloss Schubert viele Bekanntschaften, so war ihm Minister von Thümmel und der Arzt Hofrat Heine gewogen. Er lernte auch den Geheimen Finanzrat von Waitz kennen, einen Verehrer der in Altenburg geborenen Dichterin Sophie Schubart, verheiratet mit dem Jenaer Prof. und Staatsanwalt Mereau und, nach ihrer Scheidung, spätere die Frau von Clemens Brentano.

Nach dem Tode von Johann Gottfried Herder betraute Caroline den jungen Schubert mit der Durchsicht von Herders Übersetzungen aus dem Spanischen für die erste Herder-Werksausgabe.

Schubert wanderte 1805 mit seiner jungen Frau von Altenburg nach Freiberg, um bei Abraham Werner Geognosie zu studieren. Mitstudenten waren August Wolfgang von Herder, Wilhelm August Lampadius, Ralenbeck, Karl von Raumer, Moritz von Engelhardt, Beltheim, von Charpentier, von Scharner, Rudolf von Przystanowski.

Im Oktober 1806 zog Schubert mit seiner Frau und der in Freiberg geborenen Tochter nach Dresden. Den letzten Teil des Weges legte man nun mit einer Kutsche zurück. In Dresden wurde er von seinen Freunden erwartet (Friedrich August Köthe, Friedrich Gottlob Wetzel mit seiner Frau, Karl Christian Friedrich Krause, Philipp Carl Hartmann und Hans Karl Dippold). Wohnung bezog Schubert im Hause des Malers Gerhard von Kügelgen in der Altstadt. In seinen Erinnerungen zählte Schubert einige Stammgäste des Hauses Kügelgen im Jahre 1808 auf: Adam Oehlenschläger, Moritz von Engelhardt, Karl von Raumer, Karl Ludwig Fernow, Johann Gottfried Seume und Thiersch. Mit Caspar David Friedrich, Julius Schnorr von Carolsfeld und Peter Cornelius war Schubert in Dresden ebenfalls befreundet. Aber auch mit Heinrich von Kleist und Adam Müller verband Schubert bald eine Freundschaft. Kleist wurde zuerst von der Arnoldischen Buchhandlung in Dresden verlegt. Schubert trat um diese Zeit in den Freundeskreis Kleists um die Zeitschrift „Phöbus“ ein. (Rühle von Lilienstern, von Pfuel und Adam Müller). Im Winter 1807/1808 hielt Schubert im Wechsel mit Adam Müller Vorträge unter dem Titel „Die Nachtseiten der Naturwissenschaften“ Abendvorträge im Palais Carlowitz. Von Herder hatte Schubert ein transdisziplinäres Denken gelernt und polemisierte gegen die engen Disziplingrenzen an den Universitäten, wies auf die Bedrohung der Natur durch die Menschheit hin, forderte die Akzeptanz nichteuropäischer Kulturen und wandte sich gegen imperiale Kriegführung.

Bei einem Aufenthalt in Marienbad erneuerte Schubert im Sommer 1807 seine Weimarer Bekanntschaft mit Goethe. Die Goethesche Farbenlehre und Schuberts Allgemeine Geschichte des Lebens waren die Gesprächsthemen.

Friedrich Wilhelm Joseph Schelling nannte Schubert nach einem damals bekannten altschottischen Dichter den „Ossian der Naturwissenschaften“. Schubert war über Nacht populär geworden. Aber er bekam in Sachsen keine Anstellung. Es war Schelling, der ihm im Herbst 1808 einen Posten als Gymnasiums-Direktor in Nürnberg anbot. Schubert nahm sofort an. In den ersten Tagen des Jahres 1809 verließ er Dresden und Sachsen für immer

Von 1809 bis 1816 leitete Schubert das Nürnberg Realgymnasium. Kollegen waren z.T. alte Freunde (Kanne, Pfaff, Schweigger). Georg Friedrich Wilhelm Hegel war in dieser Zeit Direktor des Humanistischen Gymnasiums in Nürnberg. Die Legende besagte, dass Hegel das Nieblungenlied auf Anraten Schuberts in den Lehrplan aufnahm. Schuberts erster Schüler in Nürnberg war Johann Andreas Wagner.

1814 veröffentlichte Schubert in Bamberg ein Buch mit dem Titel „Symbolik des Traumes“. In der ersten Auflage knüpfte Schubert an Herders Sicht auf Traumphänomene an, wie sie Herder in den Beiträgen zur Zeitschrift „Adrastea“ zwischen 1801 und 1803 veröffentlicht hatte. Alerdings verfügte Schubert nicht über den Hintergrund Herders, es nannte im Text auch Herder nicht als Quelle. Herders Gedanken nahmen bei dem jungen Schubert eine andere Form an. So wird in Schuberts Buch auch der Einfluss des Mystizismus von Louis Claude le Martin und die Sehnsucht der Romantiker nach einer besonderen „Ursprache“ deutlich.

Unter Künstlern und Literaten wurde die „Symbolik“ als Sensation angesehen. Auch Sigmund Freud schätzte etwa 100 Jahre später noch diese Schrift. In einer Rezension über eine Arbeit zu sogenannten „Urworten“ verwies Freud 1910 auf Schubert und bedauerte, zu wenig von Sprache zu verstehen. Der kritische Freud-Schüler Jaques Lacan erinnerte in den 1950er Jahren daran, dass die Psychoanalyse keine „Triebtheorie“ sei, sondern Sprache untersuchen müsse.

1816 verließ Schubert Nürnberg, um als Prinzessinenerzieher in Schwerin Tätig zu werden. Aber in der Umgebung des Großherzoglichen Hofes konnte er nicht heimisch werden. So folgte er 1819 sofort einem Ruf auf einen Lehrstuhl an der Universität in Erlangen. Er traf alte Freunde und Kollegen an (Kanne, Pfaff, Schweigger, Krafft, Engelhardt), Im Jahre 1820 kam sein Jenaer Lehrer Friedrich Wilhelm Josepgh Schelling hinzu. Ab 1826 war schließlich auch Friedrich Rückert in der Runde der Professoren. Es war wohl Schuberts glücklichste Zeit.  Doch im Jahre 1826 wurde er auf einen Lehrstuhl nach München berufen. Schelling war schon dort, Franz Baader, Friedrich Görres, Thiersch, Ringeis, Roschlau, Oken ergänzten den Kreis. Die Maler Peter Cornelius und Julius Schnorr von Carolsfeld gehörten ebenfalls zum Münchner Freundeskreis Schuberts.

In München wurde Schubert Mitglied mehrerer Akademien, zum Hofrat ernannt, in den persönlichen Adelsstand erhoben und Berater des bayerischen Königshauses. Hier unterrichtete er auch die Kinder des Königshauses in Naturgeschichte. Seine bekannteste Schülerin war vielleicht Herzogin Elisabeth (Amalie Eugenie) von Bayern (1837-1898), die späteren Kaiserin Elisabeth.

In München verfasste Schubert 1830 sein zweites Hauptwerk, eine zweibändige „Geschichte der Seele“. Er hielt am Begriff der Seele in einer Zeit fest, als die Philosophie eine „reine Vernunft“ postulierte und den Menschen auf seinen Kopf reduzierte. In gewissem Sinne ist dieses Werk Schuberts der Versuch zur Verwirklichung seines Jugendideals, Natur als organisches System darzustellen. Er realisierte dieses Ideal nun einerseits eingeschränkt, andererseits mit einer Masse neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Johann Gottfried Herder hatte Schubert zu einem eigenen Weg ermuntert. So war es nicht verwunderlich, dass Schubert Herder aus den Augen verlor. Andererseits hatte Schubert aber auch keinen Grund gegen die Autorität Herders zu rebellieren. Doch die Bildung, die er in Weimar erfahren hatte, vermochte er sein ganzes Leben als „Basis“ für eigene Erfahrungen zu nutzen. Anders als Alexander von Humboldt beschritt Schubert nicht den Weg der Erforschung unbekannter äußerer Welten, sondern widmete sich den inneren Welten unserer Psyche.

In der zweiten Hälfte seines Lebens schrieb Schubert mehrere Lehrbücher über Naturgeschichte. Auf diesem Gebiet erwies sich Schubert als ein begnadeter Brückenbauer. Er vermochte es, den naturwissenschaftlichen Erkenntnisse literarisches Niveau und geistige Tiefe zu geben. Erst über ein solches Verfahren werden naturwissenschaftliche Fakten für ein breiteres Publikum verstehbar. Seine Produktivität auf diesem Gebiet war beeindruckend. Einige dieser Lehrbücher erreichten noch zu Lebzeiten Schuberts 25-30 Auflagen. Erzählungen und Romane folgten.

1852 wurde Schubert emeritiert. 1853 verlieh ihm die Universität Erlangen zum 50. Jubiläum seiner Promotion den Titel eines Doktors der Theologie (D.)

Schubert starb am 30.6./1.7.1860 auf dem Landsitz seines Enkels Dr. med. Heinrich Ranke in Laufzorn, in der Nähe von München. Seine Beisetzung vereinte noch einmal nahezu alle Vertreter des Geisteslebens seiner Generation.

Gotthilf Heinrich Schubert verkörpert von seiner Bildung her einen Brückenbauer auch zwischen dem klassischen Weimar und dem Geo-Forschungszentrum Freiberg. Die Chemnitzer Industrie war und ist vielleicht in ihren besten Traditionen eine ähnliche Brücke gewesen. Um dieser Tradition gerecht werden zu können, ihr Potenzial aufzunehmen, müsste man auch in Chemnitz endlich Gotthilf Heinrich Schubert zur Kenntnis nehmen.

Andreas Eichler

Quellen-Literatur (Auswahl)
Schubert, Gotthilf Heinrich: Der Erwerb des vergangenen und die Erwartung eines zukünftigen Lebens. Eine Selbstbiographie, 3 Bde., Erlangen 1854
Schubert, Gotthilf Heinrich: Die Symbolik des Traumes. (Hrsg. Gerhard Sauder, Faksimiledruck nach der 1. Auflage Bamberg 1814), Heidelberg 1968.
Schubert, Gotthilf Heinrich: Die Geschichte der Seele. 2 Bde., 5. Auflage Stuttgart 1877
(Erstauflage 1830)
Bonwetsch, G. N.: Gotthilf Heinrich Schubert in seinen Briefen, Stuttgart 1918

Sekundärliteratur (Auswahl)
Eichler, Andreas: G.H. Schubert - ein anderer Humboldt. Mironde-Verlag 2010
(Herausgegeben anlässlich des 150. Todestages von Gotthilf Heinrich Schubert, mit einem kommentierten Briefwechsel zwischen Schubert und Caroline und Johann Gottfried Herder sowie einer kommentierten Wiedergabe der Hodegetischen Abendvorträge von Herder für seinen Sohn Emil und Schubert.)